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Ansprache von Botschafterin Schütz im Rahmen der Gedenkfeier zur Erinnerung an ein Massaker der Deutschen Wehrmacht in Borova/Südalbanien am 6. Juli 1943

06.07.2018 - Rede

Sehr geehrte Bewohnerinnen und Bewohner von Borova,
Sehr geehrte Ehrengäste,
Sehr geehrte Damen und Herren,

für die Einladung zur Gedenkfeier in Borova möchte ich mich sehr herzlich bedanken.

Es ist für mich als Deutsche, als Deutsche Botschafterin gar, wahrlich kein leichter Weg, an einen Ort wie Borova zu gehen. Es ist nicht leicht, es kann und es soll auch nicht leicht sein, einen Ort zu besuchen, an dem an einem heißen Julitag wie heute vor 75 Jahren das schlimmste Verbrechen der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg in Albanien begangen wurde.

Es fällt mir nicht leicht, denn an diesem Tag und an diesem Ort kann man als Deutscher nur Scham über das Geschehene empfinden. Und dennoch ist es mir wichtig, heute am 75. Jahrestag des Massakers gemeinsam mit Ihnen der 107 Opfer, darunter viele Frauen und Kinder, zu gedenken, die in diesem idyllisch gelegenen Dorf grausam getötet wurden.

75 Jahre sind eine lange Zeit. Und doch dürfen wir das Geschehene nicht vergessen. Die Opfer haben ein Recht auf Erinnerung an das barbarische Unrecht, das ihnen angetan worden ist, und sie haben ein Recht, dass ihre Namen erinnert werden.
Auch wenn uns Nachgeborene keine persönliche Schuld trifft, so bleibt uns die Katastrophe, die die nationalsozialistische Gewaltherrschaft über die Welt, und zuletzt auch über Deutschland selbst, gebracht hat, doch eine Mahnung, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und die Suche nach Verständigung und Versöhnung eine dauerhafte Aufgabe bleibt, der wir uns immer wieder von neuem stellen müssen.

Das wir in Europa über tiefe Gräben hinweg wieder Partner und Freunde geworden sind, ist ein historischer Glücksfall, der viele mutige Schritte erforderte. Die europäische Versöhnung bleibt bis heute eine großartige Errungenschaft und ein Signal der Hoffnung insbesondere auch auf dem Balkan, wo Krieg, Gewalt und Hass noch gar nicht so lange zurückliegen.

Albanien und Deutschland sind heute enge Partner in der NATO und in Europa. Gerade vor wenigen Tagen haben die Mitglieder der Europäischen Union im Grundsatz beschlossen, die Beitrittsverhandlungen mit Albanien aufzunehmen, damit Albanien wie auch seine Nachbarn auf dem Balkan einst vollwertige Mitglieder der Europäischen Union sein werden.

Schon heute spielt Albanien als engagierter Verfechter der europäischen Integration und der Überwindung vermeintlich historischer Feindschaften auf dem Westbalkan eine wichtige und konstruktive Rolle. So begrüßen wir es sehr, dass Albanien sich aktiv für eine Verständigung mit seinen Nachbarn einsetzt und Initiativen wie das Regionale Jugendwerk des Westbalkan, RYCO, unterstützt, das einen wichtigen Beitrag dazu leisten wird, dass die Jugendlichen in der Region heute lernen aufeinander zuzugehen und eine gemeinsame Zukunft mit europäischer Perspektive aufzubauen.

Denn dies ist die zentrale Lehre, die wir aus den Schrecknissen der Vergangenheit ziehen: Durch die gemeinsame Erinnerung an schmerzliche Geschehnisse und im vertrauensvollen Miteinander sichern wir für uns und unseren Nachkommen eine friedliche Zukunft.

Dieser Tag heute ist ein besonderer Tag der Besinnung. Wir gedenken heute all derjenigen Menschen, die hier vor 75 Jahren ihr Leben liessen, und ihrer Hinterbliebenen, die dadurch so viel Leid erfahren haben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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