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Ausgrabung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Lissos/Lezha

24.05.2018 - Artikel

Zwischen dem 11. August und dem 5. Oktober 2006 fanden erstmalig deutsch-albanische Ausgrabungen in Lezha im Norden Albaniens statt. Das Projekt gilt der Erforschung des hellenistischen Lissos (ca. 323–80 v. Chr.) und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Ob Lissos tatsächlich bereits 385/84 v. Chr. von Dionysios I. von Syrakus als eine seiner Adriakolonien gegründet wurde, wie Diodor berichtet, oder ob es sich um eine rein illyrische Gründung des 3. Jhs. v. Chr. handelt, ist in der Forschung noch umstritten. In hellenistischer Zeit war Lissos jedenfalls eine stark befestigte Stadt, deren Bedeutung sich aus ihrer Lage an zwei wichtigen Handelsstraßen sowie ihrem offenbar für Seeschiffe geeigneten Hafen ergab.

Dass sich das durchgehend besiedelte Lissos besonders gut für Forschungen zur hellenistischen Zeit eignet, liegt in der dramatischen Geschichte des heutigen Lezha begründet. Nach dem schweren Erdbeben von 1979 wurden große Teile der auf dem antiken Territorium liegenden Stadt neu errichtet. Um die Nikolauskirche, in der der Nationalheld Skanderbeg im Jahre 1444 die albanische Liga gegründet hatte, entstand ein archäologischer Park, für den die mittelalterliche Bebauung und stellenweise sogar römische Schichten abgetragen wurden. Die albanischen Forschungen in den 1970er und 80er Jahren widmeten sich vor allem der Stadtmauer, der eindruckvollsten und interessantesten antiken Wehranlage Albaniens, die sich den Berg bis auf eine Höhe von 160 m hinaufzieht. Die Akropolis wurde später von der venezianisch-osmanischen Zitadelle überbaut.

Die neuen Ausgrabungen in Lissos zielen auf die Erforschung der urbanen Struktur der hellenistischen Stadt ab. Dafür wurde ein neuer Gesamtplan der Stadt mit den heute noch erhaltenen Partien der Stadtmauer erstellt, der die alten Pläne von C. Praschniker und A. Schober (1919) sowie F. Prendi (1972) an mehreren Stellen korrigiert. Geophysikalisch untersucht wurden der als Parkgelände zugängliche Teil der Unterstadt sowie zwei Terrassen der Oberstadt. Der kompakte Lehmboden ließ Georadarmessungen nur bis zu einer Tiefe von etwa 1,30 m zu. Störungen durch das neuzeitliche und mittelalterliche Lezha verhindern daher, dass sich so ein vollständiges Bild der antiken Stadt ergibt. Die begonnenen Grabungen werden zum besseren Verständnis des geophysikalischen Messergebnisses beitragen.

Einblick in das Lissos des 1. Jhs. v. Chr. gestattete der Grabungsbereich A unmittelbar neben dem Skanderbeg-Denkmal. Große Teile eines Gebäudes, das im 1. Jh. v. Chr. mit Scherben von Hunderten von Amphoren aufgeschüttet wurde, wurden freigelegt. Das Haus gründet stellenweise auf älteren Mauern, die nach ihrer Technik in die frühe Zeit der Stadtmauer zu gehören scheinen. Mehrere Phasen urbanen Wandels im Zentrum der Stadt zeichnen sich hier deutlich ab. Das bereits in den 1980er Jahren ausgegrabene ›Hafentor‹ der Stadtmauer (Grabungsbereich C) wurde erneut freigelegt. Sondagen erbrachten das Ergebnis, dass östlich davon sogar noch spätrömische Schichten anstehen. Im ›Apsidenbau‹, einem bis in die Spätantike genutztem Thermengebäude, in dem bereits unter albanischer Leitung ausgegraben worden war, fanden lediglich kleinere Untersuchungen statt. Aus einem Raum wurde jetzt Keramik bereits des 1. Jhs. v. Chr. geborgen. Damit stellt sich die Frage nach der Datierung dieses Baus, der in das Südtor der Unterstadt eingreift, neu.

Gegenstand besonderer Forschungen war die Stadtmauer selbst, deren zahlreiche Phasen durch eine detaillierte Baubeschreibung dokumentiert wurden. Im Jahr 2007 sollen mehrere Sondagen Hinweise auf die absolute Chronologie liefern.

Ein Teilprojekt widmete sich der Erforschung des Umlands: Im Küstenbereich von Lezha wurden 19 Bohrungen durchgeführt, die bereits erste wichtige Ergebnisse zum Verlauf der antiken Küstenlinie, des Flusses Drin und vor allem zur Lage des vermuteten Seehafens in der Antike erbrachten. Flankiert wurden diese Untersuchungen von einem archäologischen Survey in ausgewählten Bereichen der nordwestalbanischen Küstenebene. Dabei wurden zahlreiche Orte aufgenommen, die bisher der Fachwelt nicht bekannt sind. Die Ergebnisse dieser Begehungen werden in einem Geo-Informationssystem (GIS) zusammengestellt.

Quelle:
Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts, III. Vierteljahresbericht für das Jahr 2006
Der Text wurde redaktionell geändert.

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