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Grußwort von Botschafter Karl Bergner zur Erinnerung an die Stürmung der Botschaften im Juli 1990

Gedenkveranstaltung 2 Juli 1990

Gedenkveranstaltung 2 Juli 1990, © Botschaft Tirana

04.07.2024 - Rede

Meine Damen und Herren, verehrte Gäste,

es ist mir eine Ehre, Sie alle heute hier begrüßen zu dürfen, um der turbulenten Ereignisse vom Juli 1990 zu gedenken, einem Schlüsselmoment der albanischen Geschichte und einem besonders bedeutenden Kapitel der deutsch-albanischen Beziehungen. Ihre Anwesenheit unterstreicht, wie wichtig es ist, sich an unsere gemeinsame Geschichte und den Mut derer zu erinnern, die in diesen Zeiten großer Unsicherheit nach einer besseren Zukunft suchten.

In den ersten Tagen des Juli 1990 suchten Tausende von Albanern in westlichen Botschaften Zuflucht, getrieben von den politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen dieser Zeit. Der Wind des Wandels wehte durch ganz Europa, und Albanien war keine Ausnahme. Diese mutigen Taten waren ein Wegbereiter für das Ende des kommunistischen Regimes in Albanien und markierten den Beginn einer neuen Ära der Freiheit und Hoffnung.

Um die Bedeutung dieses Tages zu verstehen, möchte ich kurz auf die Ereignisse des 2. Juli 1990 eingehen:

Am 1. Juli gegen Mitternacht erklommen einige mutige Menschen die Mauern der gerade erst neu bezogenen deutschen Botschaft der Bundesrepublik in der Skenderbej-Straße.

Am 2. Juli befanden sich bereits etwa 60-70 Flüchtlinge in unserer Botschaft, während andere in der griechischen, italienischen und französischen Botschaft Zuflucht suchten.

An jenem Abend kam es zu einem dramatischen Ereignis, als ein mit 34 Personen beladener Lastwagen die Mauern der Botschaft durchbrach. Innerhalb weniger Tage wuchs die Zahl der Flüchtlinge auf über 3.200 auf unserem Gelände und etwa 5.000 in verschiedenen Botschaften hier in der Straße und darüber hinaus an.

Die Menschen, die in den Botschaften Zuflucht suchten, gingen erhebliche Risiken ein. Sie sahen sich der Gewalt staatlicher Sicherheitskräfte ausgesetzt, was zu mehreren Verletzten und tragischerweise zu mindestens einem Todesfall durch Polizeischüsse führte. Die Flüchtlinge hatten große Sorge um die Sicherheit ihrer Familien und nur eine unsichere Hoffnung, auswandern zu dürfen.

In der deutschen Botschaft war die Atmosphäre geprägt von der Dringlichkeit der Situation, aber auch von Solidarität und Unterstützung. Unsere Mitarbeiter arbeiteten unermüdlich daran, den Flüchtlingen zu helfen und sie zu schützen, indem sie ihnen Nahrung, Unterkunft und Hoffnung gaben. Inmitten dieses Trubels gab es Momente der Einigkeit und des Trostes, als sowohl die Flüchtlinge als auch das Botschaftspersonal die Fußballweltmeisterschaft 1990 verfolgten. Diese gemeinsame Erfahrung vermittelte in diesen schwierigen Tagen ein Gefühl von Normalität und Verbundenheit und erinnerte uns alle an unsere gemeinsame Menschlichkeit.

Die Situation innerhalb der Botschaft war schwierig. Die hygienischen Bedingungen waren problematisch, vor allem nachdem die Wasserversorgung in der Botschaft unterbrochen worden war. Die Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischer Betreuung stellte eine große Herausforderung dar. Trotz all dieser Schwierigkeiten hielten die Flüchtlinge und das Personal durch. Bemerkenswerterweise wurde in dieser Zeit auf dem Gelände der Botschaft ein Kind geboren, was zeigt, wie viel Widerstandskraft und Hoffnung selbst in solch schwierigen Zeiten vorhanden waren.

Ich möchte die Bemühungen von Lothar Parzeller hervorheben, der als deutscher Polizeibeamter in der Botschaft diente und dessen Handeln während dieser Krise geradezu heldenhaft war. Er hat nicht nur geholfen, die Situation zu meistern, sondern auch ikonische Fotos aufgenommen, die diese dramatischen Ereignisse dokumentieren und für künftige Generationen bewahren. Einige dieser Fotos können Sie hier und in unserer Online-Ausstellung sehen.

Es gibt jetzt zwei Denkmäler, die an die Ereignisse erinnern:

Das erste, das sich hinter unserer Botschaft befindet (und nicht ganz einfach zu finden ist), markiert die Stelle, an der ein Lastwagen die Mauer durchbrach. Dieses Denkmal wurde 2017 eingeweiht und kürzlich renoviert. Wir danken dem Künstler Eljan Tanini und der Stadtverwaltung von Tirana herzlich für ihre Bemühungen.

Das zweite Denkmal, an dem wir heute stehen, wurde 2020 von der Stadtverwaltung Tirana anlässlich des 30. Jahrestages der Ereignisse eingeweiht. Es wurde ebenfalls vor kurzem dank der Arbeit des Servicebüros für die Botschaftsstraße restauriert.

Ich möchte auch Herrn Elvis Toçi meine Anerkennung aussprechen, der sich mit großem Enthusiasmus und Engagement dafür eingesetzt hat, dass dieses Denkmal erhalten bleibt und an die Ereignisse vom Juli 1990 erinnert wird. Seine Bemühungen waren von großem Wert, um die Erinnerung an diese bedeutenden Ereignisse wach zu halten.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um zu danken:

dem Servicebüro des Außenministeriums für seine unermüdliche Unterstützung der Botschaften in der Botschaftsstraße.

Gjon Radovani, nicht nur für seine Verdienste als renommierter Architekt, sondern auch für seine entscheidende Rolle im Jahr 1990. Seine Sprachkenntnisse und sein ruhiges Auftreten halfen vielen Flüchtlingen, diese schwierigen Tage zu überstehen. Wir erinnern uns an seine enge Freundschaft mit dem verstorbenen Botschafter Zingraf, den wir alle schmerzlich vermissen.

Die heutigen Betrachtungen von Gjon Radovani sind ein Zeugnis für die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes und die Bedeutung der Solidarität in Krisenzeiten.

Die Ereignisse von 1990 und die damals geknüpften Verbindungen legten den Grundstein für die heutigen engen deutsch-albanischen Beziehungen. Die Tapferkeit der Flüchtlinge und die Unterstützung durch die Botschaften in diesen kritischen Tagen haben ein Band zwischen unseren Nationen geschaffen, das bis heute stärker geworden ist.

Unsere gemeinsame Geschichte ist nicht nur eine Erinnerung an vergangene Herausforderungen, sondern auch ein Wegweiser in eine Zukunft voller Hoffnung und gegenseitigem Respekt.

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